Stammtisch mit Dr. Luft

"Integration - Genau analysieren - Richtig handeln"

20.09.2012

Bischofsheim. Die CDU Bischofsheim setzte ihre „Stammtisch-Reihe“ am 20.09.2012 mit dem Besuch von Dr. habil. Stefan Luft fort. Dr. Luft, der u.a. als Berater der CDU-Landtagsfraktion in der Enquetekommission „Integration und Migration“ tätig ist, referierte zu diesem Thema von der wissenschaftlichen Warte.

Die Veranstaltung knüpfte damit an den Stammtisch mit Ismail Tipi MdL an, der sich der Thematik aus einem persönlichen, quasi Innenblickwinkel, genähert hatte.

Dr. Luft erläuterte zunächst, dass Integration in zweierlei Hinsicht zu beleuchten sei. Zum einen die sog. „strukturelle Integration“, sprich die Besetzung von Positionen in Funktionsbereichen wie dem Bildungssystem oder dem Arbeitsmarkt und anderseits die „soziale Integration“, also die Angleichung in den Beziehungsmustern, interethnische Kontakte und das Heiratsverhalten.

Er wies daraufhin, dass der Begriff „Personen mit Migrationshintergrund“ vom statistischen Bundesamt sehr weit definiert worden sei, nämlich als „alle nach 1949 auf das heutige Gebiet der Bundesrepublik Deutschland Zugewanderten, sowie alle in Deutschland geborenen Ausländer und alle in Deutschland Geborenen mit zumindest einem zugewanderten oder als Ausländer in Deutschland geborenen Elternteil“. Unter diese Definition, so Luft fielen 16 Millionen Menschen (Stand 2009). Diese würden sich in 3,3 Mio. Aussiedler und Spätaussiedler sowie deren Angehörige, 3 Mio. Türkischstämmige, 2,9 Mio. aus den Nachfolgestaaten der ehem. Sowjetunion, 1,5 Mio. aus dem ehem. Jugoslawien und 1,5 Mio. Polnischstämmige aufteilen.

Zwischen den einzelnen Migrantengruppen gäbe es signifikante Unterschiede inwieweit diese integriert seien. Einheitlich ließe sich jedoch sagen, dass die Integration voranschreite. Aus einer Studie des Statistischen Bundesamtes von 2010 gehe hervor, dass zwischen 2001 und 2007 die Deutschkenntnisse besser geworden, die Quote der Wohnungseigentümer gestiegen, die Abkapselung in bestimmten Vierteln gesunken, gemischte Partnerschaften häufiger vorkämen und mehr Befragte in Deutschland bleiben wollten.

Dies, so Luft, könne Mut machen auf dem Weg der Integration, doch dürfe nicht übersehen werden, dass insbesondere die Gruppe der Migranten mit türkischen Wurzeln, bei allen erhobenen Statistiken wesentlich schlechter abgeschnitten habe, als andere.

Bei der Betrachtung von 20-64jährigen ohne in Deutschland anerkannten Bildungsabschluss falle dies besonders auf. Nur 15 % derjenigen, ohne Migrationshintergrund hätten keinen solchen Abschluss. Der Durchschnitt bei denjenigen mit Migrationshintergrund liege bei 44 %´, werde aber von den türkischstämmigen mit 72 % weit überstiegen. Dies schlage sich auf die Zahlen bei den Empfängern von ALG-II Leistungen. 23,4 % davon seien Deutsche ohne Migrationshintergrund, die keinen Berufsabschluss hätten. Im Mittel der Migranten seien 43,2 % betroffen, wobei Aussiedler und aus der ehemaligen Sowjetunion eingewanderte mit 24,3, bzw. 27,7 % nur knapp über dem Mittel der Nicht-Migranten lägen. Türkischstämmige seien hingegen mit 74, 1 % mehr als dreimal so häufig ohne Berufsabschluss.

Bedauerlich stabil sei seit 2005 das Verhältnis zwischen Migranten und Nicht-Migranten bei 20-24jährigen ohne Berufsabschluss. Rund 25 % Nicht-Migranten seien hier betroffen, aber rund doppelt so viele Migranten.

Dass man nicht alle Migranten bei der Erwartung einer Bildungskarriere über einen Kamm scheren könne belegten auch die Zahlen, denen zufolge Jugendliche aus EU-Staaten, Ostasien und dem amerikanischen Kontinent deutlich häufiger die Hochschulreife erreichten, als Deutsche. Ein Umstand, der jedoch auch – so Luft – darauf zurückzuführen sei, dass in dieser Gruppe überproportional viele Diplomaten und Manager internationaler Konzerne seien, die auf die Bildung ihrer Kinder besonders viel Wert legten. Gegenüber den Schülern ohne Migrationshintergrund seien die Chancen von Jugendlichen aus der Türkei, Italien und den Staaten der ehemaligen Sowjetunion jedoch weniger als halb so hoch.


Eine unsichtbare Trennlinie verlaufe auch zwischen den einzelnen Schulformen. Während jeder 4. Jugendliche mit, aber nur jeder zwanzigste ohne Migrationshintergrund eine Schule besuche, in der Zuwanderer die Mehrheit stellten, würden nur 31,2 % der deutschen Jugendlichen in Klasse unterrichtet, in denen der Migrantenanteil den Durchschnittswert der jeweiligen Stadt, bzw. des Landkreises übersteige. Bei türkischen Jugendliche treffe dies hingegen bei 82,6 % zu.

Aufschlussreich waren auch die statistischen Veränderungen bei den Mischehen. Bei Italienern (56,2 zu 40,8 %), Spaniern (65,3 zu 36,4 %) und Griechen (79,4 zu 61,6 %) sei ein rasches Aufgehen in der Gesamtbevölkerung von der 1. zur 2. Generation nach der Zuwanderung zu beobachten. Bei den türkischstämmigen sei der Effekt mit 90,5 zu 88,6 % vergleichsweise gering. Dies, so Luft, könne zum Teil mit der größeren Gruppe erklärt werden, die es wahrscheinlicher mache, einen geeigneten Ehepartner zu finden. Nachdem aber auch eine nicht unerhebliche Zahl von Ehepartnern aus der Türkei „importiert“ würden, sei dies keine abschließende Erklärung der Zahlen.

Auf die Frage nach den Ursachen für die Ungleichgewichtung verwies Dr. Luft die Besonderheit der deutschen Zuwanderungspolitik. Während einige andere Länder gezielt hochqualifizierte Personen zu Kommen einluden, wurden im Zuge des Wirtschaftswunders nach Deutschland ausdrücklich geringqualifizierte geholt. Hinzu sei gekommen, dass in den nachfolgenden Jahrzehnten aus politischem Willen keine Steuerung der Zuwanderung eingeführt worden sei, die diesen Umstand hätte ausgleichen können. Darüber hinaus, sei die Steuerungskapazität des Staates in der Integrationspolitik generell überschätzt, es gebe eine Eigendynamik von Migrationsprozessen, die schwer zu kontrollieren sei. Hinzu käme, dass die Politik erst sei relativ kurzer Zeit an den wissenschaftlichen Erkenntnissen zur Thematik interessiert sei.

Im Übrigen sei durch die späte und immer noch nicht voll umgesetzte Pflicht die deutsche Sprache zu erlernen die Bildung von Parallelgesellschaften begünstigt und teils regelrecht herausgefordert worden. Auch eine zum Teil unterschwellige Diskriminierung von insb. Türkischstämmigen bei der Arbeitssuche habe die Abkapselung verstärkt.

Zur Verbesserung der Situation und einer zukunftssicheren Aufstellung forderte er eine Bildungsexpansion. Die Schulen müssten die Chancenungleichheit der Kinder sowohl von Migranten, als auch von sozial schwachen Nicht-Migranten erhöhen und so eine höhere soziale Entwicklung ermöglichen. Desweiteren müsste die Anerkennung von im Ausland erworbenen Qualifikationen verbessert. Auch die Wirtschaft sei hierbei in der Pflicht um sowohl die Diskriminierung zu unterbinden und andererseits familienfreundliche Arbeitsbedingungen und Möglichkeiten zur Weiterqualifizierung zu schaffen.

Er verwies hierbei auf die wissenschaftlichen Erkenntnisse, wonach „Höhere Bildung […], das zeigen alle Forschungsergebnisse, das wirksamste Mittel [sei], um die Beschränkung auf eigenethnische, lokal enge Sozialbeziehungen aufzulösen und die Integration in die Mehrheitsgesellschaft zu befördern. Voraussetzung dafür [… / seien] allerdings Bildungsprozesse, die in frühem Alter ansetzen und die fehlenden kulturellen Ressourcen des Elternhauses zu kompensieren in der Lage sind“ (Häußermann / Siebel 2007).

Zum Abschluss seines Vortrages wies Dr. Luft aber auch daraufhin, dass Deutschland „auch in integrationspolitischer Hinsicht keinen Grund habe, sein Licht unter den Scheffel zu stellen“. Vieles würde hierzulande richtig gemacht, was erkennbar sei, beim Vergleich etwa mit Frankreich, bei denen die Statistiken sehr viel schlechtere Integration erkennen ließen.

Dem rund einstündigen Vortrag folgte eine lebhafte Diskussion, in deren Verlauf die Ortsvorsitzende und Landtagsabgeordnete Sabine Bächle-Scholz versprach, dass die CDU-Mitglieder in der Enquetekommission die Erkenntnisse und Empfehlungen von Dr. Luft zur Grundlage für ihre Handlungsempfehlungen nehmen würden. „Integration muss – so wie alle politischen Prozesse –wissenschaftlich fundiert vorangebracht werden. Es geht nicht an, dass man mit Halbwahrheiten und Stammtischparolen eines der wichtigsten Themen unserer Zeit anpacken will und eigentlich nur im Nebel stochert. Nur sicheres Wissen ermöglicht sichere Schlüsse und damit eine sichere Zukunft für unser Land“.