Stammtisch Neues Bürgerhaus – Attich-Gelände

Fachleute geben wertvolle Impulse


Bischofsheim. Vor vollem Saal konnten die Referenten der CDU Bischofsheim wertvolle Impulse zum Gutachten betreffend Neubau oder Sanierung von Bürgerhaus und Attich-Gelände beisteuern.



Thomas Rausch, ehemaliger Baudezernent der Stadt Gießen stellte bereits zu Beginn seiner Erläuterungen klar, dass er grundsätzlich bei derartigen Projekten eher zum Neubau tendiere. „Die Bausubstanz aus den 60er Jahren ist regelmäßig nicht die Beste. Dies umso mehr, wenn, wie hier, jahrzehntelang nicht regelmäßig investiert wurde. Auch bei einer Kernsanierung erreicht man nicht das Niveau, welches bei einem Neubau erzielt werden kann, insbesondere im Bereich von energetischer Qualität und Flexibilität. Gerade bei diesem Bürgerhaus sind einige Bausünden vorhanden, wie brennbare Styroporplatten auf dem Dach“.

Eine Handlungsempfehlung für den Neubau zu stimmen, wollte er hieraus jedoch nicht abgeleitet wissen. „Zuvorderst steht die Überlegung, was kann sich die Gemeinde überhaupt leisten. Erst dann kann man daran gehen zu prüfen, was mit diesen Mitteln darstellbar ist. Hier wurde der umgekehrte Weg gewählt. Eine Wunschliste wurde formuliert und deren Kosten errechnet“. Er wies weiter auf erhebliche Schwachstellen des Gutachtens hin. So seien die Gebäude im Neubau ebenso geplant worden wie im Bestand, ohne zu beachten, ob dieses Ensemble überhaupt Sinn mache. Durch andere Anordnung oder Zusammenfügung ließen sich Synergieeffekte erzielen. Es sei insbesondere auch sinnvoll gewesen zu prüfen, ob beispielsweise ein gemeinsames Blockheizkraftwerk, an dem auch die Schule angeschlossen würde, die Energiebilanz verbessere. Auch über das sog. Contracting müsse man bei einem solchen Projekt reden. Hierbei würde beispielsweise die Heizungsanlage durch einen Energieversorger bezahlt und betrieben. Im Gegenzug zahle die Gemeinde einen höheren Preis für die Energie. „Die Gemeinde mit ihrer klammen Finanzlage würde hierbei das Risiko der Investitionskosten ausschließen. Bei einem solchen Projekt sind das gewaltige Beträge“.

Auch den angedachten Vollsortimenter sehe er kritisch. Im Gutachten fehle ihm eine Prüfung, ob dieser überhaupt in der Gemeinde angesiedelt werden könne. Weiter sei er am oberen Ende der Größe derartiger Märkte und damit Garant für Verkehrsprobleme. Eine gemeinsame Nutzung der Parkplätze von Vollsortimenter und Bürgerhaus sei wenig realistisch. „Wenn der Markt bis 22:00 Uhr geöffnet hat, braucht er auch so lange die Parkplätze. Für den Betrieb des Bürgerhauses zu üblichen Zeiten stünden daher auch in Zukunft keine Parkmöglichkeiten für dieses zur Verfügung“. Eine Kombination von Bürgerhaus und / oder Vollsortimenter mit der angedachten Wohnbebauung hielt er für konfliktträchtig. Die Lautstärke dieser Gebäude, so Rauch seien mit den Interessen der Anwohner nur sehr schwer in Einklang zu bringen.

Gründe für Eile vermochte er nicht zu erkennen. „Die Mittel aus der Sozialen Stadt sind mit hoher Wahrscheinlichkeit ohnehin durch andere Kommunen schon vereinnahmt worden und die notwendige Detailplanung, um Zuschüsse zu erhalten, werden bis Jahresende kaum noch zu erstellen sein“.



Der zweite Referent des Abends, Herr Dieter Nachtigall aus Rüsselsheim, konnte seine Erfahrungen mit Neubau / Sanierung der Großsporthalle (ehemals Walter-Köbel-Halle) einbringen. Die Bürgerinitiative, deren Mitglied er ist, stellte eigene Kostenschätzungen zum Sanierungsbedarf an und konnte so einen völlig übertriebenen Aufwand von Steuergeldern verhindern.

„2003 wurde festgestellt, dass Nachbesserungen beim Brandschutz erforderlich sind. Diese wurden verwaltungsintern zunächst auf 3,2 Mio. € geschätzt. Ein Architekt ermittelte 7,5 Mio. zwischenzeitlich stiegen die Schätzungen auf 20 Mio. bei einer Kernsanierung mit Anschluss eines neu zu bauenden Schwimmbads. Eine Handwerkerinitiative taxierte die tatsächlich erforderlichen Kosten, nämlich die für den Brandschutz, auf 2,6 Mio. €“.

Neben den reinen Zahlen sei für ihn entscheidend, dass nicht darauf vertraut werden dürfe, dass alles, was als erforderlich bezeichnet würde, auch erforderlich sei. Notwendig sei in Rüsselsheim – ebenso wie in Bischofsheim – lediglich die Modernisierung des Brandschutzes. Alle darüber hinausgehenden Kosten seien für Dinge, die vielleicht wünschenswert seien, in Zeiten knapper Kassen, aber nicht zu finanzieren, angesetzt worden. Er plädierte in der Folge dafür mit Augenmaß darauf zu achten, was wirklich gemacht werden müsse und dies mit spitzer Feder rechnen zu lassen.

Die sich anschließende lebhafte Diskussion drehte sich insbesondere auch um die fehlenden Kindergartengruppen, deren Neuerrichtung Teil des Gesamtkonzepts ist. Der CDU-Fraktionsvorsitzende Helmut Schmid benannte an dieser Stelle einen weiteren Schwachpunkt der sog. „Großen Lösung“. „Im Kindergarten Schulstraße stehen vier Gruppen zur Verfügung. Mittelfristig benötigt Bischofsheim fünf weitere. Reißt man nun den Kindergarten neben dem Bürgerhaus ab, brauchen wir nicht länger vier, sondern dann eben neun Gruppen. Diese Zusatzkosten sind bis dato nicht bekannt“. Sinnvoll, so Schmid, sei es bestehende Kapazitäten, die noch tauglich seien weiter zu nutzen und durch Erweiterung auf dem Attichgelände Synergien zu nutzen. „Hierdurch bleibt insbesondere das Heuß-Gelände frei für Wohnbebauung“.

Hans-Jürgen Manier, Kopf der Initiative für das Bürgerbegehren, mit dem der Abriss des Bürgerhauses gestoppt werden soll, rief die anwesenden Vertreter der Parteien und die Bürger dazu auf, sorgfältig zu prüfen und die Behauptung, das Gebäude sei nicht wirtschaftlich zu sanieren in Frage zu stellen. Sicher, so Manier, habe ein neues Bürgerhaus, insbesondere energetisch, seine Vorzüge. Das vorgelegte Gutachten gebe aber keine plausible Antwort, ob die Mehrkosten durch den Neubau in vernünftiger Zeit amortisiert werden könnten.

In das gleiche Horn stieß der Fraktionsvorsitzende der Bischofsheimer Freien Wähler, Prof. Wolfgang Schreiber. Er ergänzte, dass sich die Politik nun nicht hetzen lassen dürfe. Bei einem solchen Volumen sei die intensive Diskussion mit den Bürgerinnen und Bürgern abzuwarten und nicht mit Verweis auf vermeintliche Fördergelder Fakten zu schaffen, die man später bereue.

Sabine Bächle-Scholz, die Vorsitzende der CDU Bischofsheim dankte zum Abschluss den beiden Referenten sowie den Gästen für ihre erhellenden Beiträge und die wertvollen Impulse für den weiteren Entscheidungsprozess. „Uns als CDU Bischofsheim ist es wichtig, alle Fakten zu kennen und alle Seiten zu Wort kommen zu lassen, um die bestmögliche Entscheidung für die Menschen in unserer Gemeinde zu treffen. Natürlich gibt es Wege, die uns auf den ersten Blick vernünftiger erscheinen als andere und die daher eher im Fokus sind. Da aber keiner von uns Fachmann für die Materie ist, ist es wichtig und richtig sich weitere Informationsquellen zu erschließen“.

Am kommenden Mittwoch, 13.11.2013 um 19:00 Uhr findet auf Einladung des Vorsitzenden der Gemeindevertretung im Bürgerhaus eine Bürgerversammlung zu diesem Thema statt. Hier werden neben der Verwaltungsspitze und den politisch verantwortlichen auch die Projektplaner, die das Gutachten erstellten, anwesend sein.